Im Lebensrhythmus bleiben

Es ist kurz vor halb sechs. Wolfgang Bauer hat bereits alles für die Probe hergerichtet. Notenständer, Liedblätter, noch mal kurz die Anlage testen, ob auch alles funktioniert.  Oliver Specht aus Hall ist als erster da. Singen – das ist seine Leidenschaft. Er gehört zu den Neulingen der Gruppe. Vor sechs Wochen hat er bei „Jetzt geht’s los“, der Haller Musikschule für Senioren und andere Erwachsene, angefangen. Er kennt Wolfgang Bauer, der die Schule im Januar 2017 gegründet hat, von gemeinsamen musikalischen Projekten.

Bauer hat sich innerhalb der letzten Jahrzehnte in der Haller Musikszene und darüber hinaus einen Namen gemacht. In zahlreichen Bands hat der Vollblutmusiker bereits mitgespielt und die unterschiedlichsten Chöre geleitet, so auch den des Therapeutikums Heilbronn.

Während dieser Zeit hat er Brigitte Friedrich kennengelernt, die gerade den Raum betritt. Sie ist für die Probe extra von Heilbronn nach Hall in den Teurershof gefahren, wo sich der Probenraum der Musikschule befindet. Die 63-Jährige hat angefangen, Keyboard zu spielen. „Hier wird auf den Einzelnen eingegangen. Keiner muss sich verbiegen“, erklärt Friedrich. Es stelle für sie eine Herausforderung dar, in ihrem Alter ein neues Instrument zu erlernen. „Man ist halt keine 20 mehr“, sagt Friedrich schmunzelnd.Bauer hat in diesem Zusammenhang eine klare Meinung: „Musik hat mit dem Alter nichts zu tun. Wenn man jung ist, macht man Früherziehung. Wir machen eben Späterziehung.“

Die Idee zu der Musikschule für Senioren kam ihm bei seiner Tätigkeit als Klavierstimmer. „Ich bin in vielen Familien zu Besuch. Dabei ist mir aufgefallen, dass die Sehnsucht bei den Eltern oder Großeltern der Klavierschüler da ist, sich nochmal oder ganz neu an ein Instrument zu wagen.“ Der Grundstein für die Musikschule war gelegt.

Dann musste nur noch ein Raum gefunden werden, der gut mit dem Bus und über so wenig Treppenstufen wie möglich zu erreichen ist. Diesen hat er im Heim Schöneck,  Wilhelm-LotzeWeg 29, gefunden. Eine Schar motivierter Musiklehrer hatte er auch bald um sich, die die Instrumente in Einzelstunden lehren. Diese bekommen für jede Unterrichtsstunde ein festgelegtes Gehalt, welches von den monatlichen Beiträgen der rund 20 Teilnehmer bezahlt wird. Erlernen kann man zum Beispiel Schlagzeug, Ukulele und Mandoline.

Alexander Bernhardt unterrichtet Klavier, Akkordeon und Gitarre bei „Jetzt geht’s los“. Für den studierten Musiklehrer ist der Unterricht mit den Senioren eine Abwechslung zu seinen anderen Kursen mit deutlich jüngeren Schülern. „Die Älteren wollen Klassik und Volkslieder spielen und haben noch Gefallen an der deutschen Sprache.“

Es liege für ihn auf der Hand, dass viele gerade im Alter die Musik für sich neu- oder wiederentdecken. „Das Arbeitsleben war durch einen täglichen Rhythmus bestimmt. Diesen wollen sie auch in der Rente nicht verlieren“, so Bernhardt. Durch die Musik könnten sie neue Energie tanken oder auch einen bisher unerfüllten Lebenstraum verwirklichen. Ein Pensionär sei zu ihm gekommen und sagte: „Ich kann nicht ruhig sterben, wenn ich das Akkordeonspielen nicht erlerne.“

Ursula Thome erfüllt sich mit der Teilnahme an der Band einen Jugendtraum: Endlich kann sie E-Bass spielen. Dafür nimmt sie den Weg von Rothenburg ob der Tauber nach Hall gerne auf sich. Die 61-Jährige macht schon ihr Leben lang Musik und war bereits Mitglied vieler Gruppen und Bands. Doch die wilden Zeiten sind für sie langsam vorbei. „Die Proben hier ebnen für mich einen sanften Weg ins Älterwerden. Bei den Jungen fühle ich mich mittlerweile fehl am Platz, aber aufs Musikmachen möchte ich trotzdem nicht verzichten.“

Sevda Trifunovic ist mit ihren 38 Jahren das Küken der Gruppe. „Klar, ich könnte in einem Chor singen, in dem Gleichaltrige sind, aber ich finde es toll hier“, sagt die Hallerin. Ihr gefalle das Miteinander der Gruppe. „Hier geht es locker zu. Es werden unterschiedliche Stile gesungen und wir können bei der Liedauswahl mitbestimmen.“

Auf die Frage, ob es denn überhaupt erlaubt ist, bei einer Ü-50-Musikschule mitzuwirken, lacht Bauer und stellt klar: „Es gibt hier keine Ausweiskontrolle. Ja, das Angebot richtet sich vor allem an Senioren, aber wenn auch junge Leute darauf Lust haben – umso besser.“ Es gehe darum, ein Teil von etwas Ganzem zu sein und das könne man in jedem Alter.

Wichtig sei es für ihn, auf den Einzelnen einzugehen und die Bedürfnisse herauszuhören. Sein Geheimnis: Er spiele nicht nach Noten. Die Harmonielehre sei die Basis, von der aus man am besten lernt, ein Lied zu spielen. „Es ist immer wieder aufs Neue ein tolles Erlebnis, welcher Klang herauskommt, wenn Menschen miteinander musizieren.“

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